25. Januar 2016

Mehr als ein Dach über dem Kopf

Über eine Million Menschen sind im vergangenen Jahr vor Krieg und Elend nach Deutschland geflohen. Viele von ihnen sind gekommen, um zu bleiben. Wie die Integration in Gesellschaft und Arbeitsmarkt gelingen könnte, war das Thema in zwei Talkrunden beim gemeinsamen Neujahrsempfang von Handwerkskammer Reutlingen und Industrie- und Handelskammer Reutlingen in der Stadthalle Balingen.

Lupe
Rund 450 Vertreter aus Politik, Verwaltung und Wirtschaft waren der Einladung nach Balingen gefolgt. Im Bild Landeshandwerkspräsident Rainer Reichhold, Hauptgeschäftsführer Dr. Joachim Eisert, Präsident Harald Herrmann und IHK-Präsident Christian O. Erbe, Dr. Wolfgang Epp, IHK-Hauptgeschäftsführer und IHK-Vizepräsident Johannes Schwörer (von links nach rechts).

Günther-Martin Pauli, Landrat des Zollernalb-Kreises, lieferte eine wohl treffende Lagebeschreibung: „Wir betreten Neuland, durch das wir gemeinsam durchmüssen.“ Denn niemand habe Erfahrungen mit einer so hohen Zahl an Flüchtlingen. Ziel müsse es sein, diese Menschen zu begleiten und dabei zu unterstützen, eine Perspektive aufzubauen. Dies sei nur gemeinsam mit ehrenamtlichen Helfern zu schaffen. „Es gehört mehr dazu als ein Dach über dem Kopf und ein Taschengeld“, sagte Pauli.

Chancen realistisch einschätzen

„Die Sprache ist die Grundlage der Integration“, unterstrich Harald Herrmann, Präsident der Handwerkskammer Reutlingen. Er verwies auf bereits laufende Sprachkurse bei den Bildungsakademien der Handwerkskammer. Im Anschluss lernen die Teilnehmer verschiedene Handwerksberufe kennen. Herrmann warnte allerdings vor überzogenen Erwartungen. Bis die Sprachschüler als qualifizierte Fachkräfte dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen, dürfte viel Zeit vergehen. Herrmann rechnet mit einer Zeitspanne von fünf bis acht Jahren. „Alles andere wäre Augenwischerei.“

Nach Schätzung von IHK-Präsident Christian O. Erbe fehlen in der Region bis zum Jahr 2030 rund 20.000 Fachkräfte aus dualen Ausbildungsgängen und 800 Akademiker. Als wichtigste Herausforderungen der kommenden Jahre nannte Erbe, „zunächst die Ausbildungsfähigkeit der Flüchtlinge herzustellen“ sowie die kulturellen Grundlagen des Zusammenlebens zu vermitteln. Alternativen dazu gebe es keine, so Erbe: „Die Perspektive kann nicht in befristeten Beschäftigungsverhältnissen liegen.“

Claudia Sander vom Freundeskreis Asyl Ammerbuch hält diese Einengung für problematisch. „Man muss kein Pflegestudium haben, um im Seniorenzentrum das Essen auszuteilen.“ Es gehe nicht nur um Ausbildung und Qualifizierung, sondern auch um einfache Jobs. Viele Flüchtlinge wollten in ein, zwei Jahren in ihre Heimatländer zurückkehren. Auch für diese Gruppe und ältere Asylbewerber, die „nicht in diese Schiene passen“, seien Beschäftigungsmöglichkeiten erforderlich. „Trauen Sie sich und warten Sie nicht, bis Ihnen die Behörden etwas präsentieren“, appellierte Sander an die Vertreter der Wirtschaft.

Spracherwerb ist größte Hürde

„Wir müssen beides tun“, glaubt Hans-Joachim Stark, Leiter der Kerschensteiner Schule in Reutlingen. Dort sind zurzeit zwei „Klassen zur Vorqualifizierung für Arbeit und Beruf für Jugendliche ohne Deutschkenntnisse“, kurz Voba, eingerichtet. Die Voraussetzungen der Schüler könnten nicht unterschiedlicher sein. Sie sind zwischen 15 und 23 Jahre alt, manche haben noch nie eine Schule besucht, manche bringen einen High-School-Abschluss mit. „Die Praxis in der Werkstatt funktioniert, die größten Schwierigkeiten gibt es im Schulunterricht,“ so Stark. An Motivation fehle es seinen Schülern nicht, betonte Stark: „Sie wollen lernen.“

Eine Erfolgsgeschichte konnte Rainer Autenrieth beisteuern. Der Hotelier aus Münsingen hat in seinem Betrieb bereits drei Migranten ausgebildet. Autenrieth hofft, dass noch weitere gewonnen werden können und den Fachkräftemangel in seiner Branche lindern. „Wir brauchen diese Menschen.“

Schaffen wir das? Die Antwort auf diese Frage könne nur Ja lauten, meinte Erbe. Landrat Pauli lobte das große Engagement vor Ort. Allerdings dürfe die Bevölkerung nicht überfordert werden. Kammerpräsident Harald Herrmann formulierte es so: "Alle, die motiviert und anständig eine sichere Zukunft bei uns suchen, sollten so schnell wie möglich zu Steuerzahlern gemacht werden. Dann kippt auch die Stimmung in der Bevölkerung nicht um.“

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