Serie "Strategie? Na, klar!"

Um Nachwuchskräfte zu finden, startete der Pfullinger Malerbetrieb Geiselhart eine Werbekampagne und begann, auch an sich selbst zu arbeiten.

Werbung, die Spaß macht: Die junge Frau aus dem Bürohaus lässt sich einiges einfallen, um den Lehrling, der draußen auf dem Gerüst arbeitet, auf sich aufmerksam zu machen. Foto: Geiselhart

Der emotionale Faktor

„Wir haben nicht mehr die erreicht, die wir erreichen wollen“, fasst Geschäftsführer Roman Geiselhart die Ausgangslage zusammen. Im Unternehmen seien nicht nur weniger Bewerbungen als in früheren Jahren eingegangen, auch deren Qualität habe mitunter zu wünschen übrig gelassen.

Stefan Hüttl, kaufmännischer Leiter, macht deutlich, dass es dabei nicht vorrangig um den Schulabschluss und den Notendurchschnitt geht: „Zugenommen hatten Bewerbungen auf den letzten Drücker von Jugendlichen, die sich nie mit Bauberufen befasst hatten und kurz vor Beginn des Ausbildungsjahres ihre Neigung für das Malerhandwerk entdeckten.“ Eine Folge: zahlreiche Auszubildende schmissen die Lehre, manche früher, manche kurz vor der Gesellenprüfung. Die Abbruchquote stieg auf bis zu 40 Prozent.

Viel Aufmerksamkeit für den "Azubi-Superstar"

Bei der Suche nach geeigneten Formen, um junge Schulabgänger zu erreichen und für eine Ausbildung im Betrieb zu gewinnen, seien zwei Fragen entscheidend gewesen, erläutert Geiselhart: „Wie stellen wir uns dar? Wie sprechen wir die jungen Leute an?“ Die Entscheidung fiel für eine emotionale Ansprache, bei der nicht nochmals Informationen zum Beruf vermittelt werden, die jeder Jugendliche bei Bedarf auf den Internetseiten der Arbeitsagentur oder der Handwerkskammer findet, sondern ein zeitgemäßes und sympathisches Bild der Ausbildungsberufe.

Herausgekommen ist das Projekt „Azubi-Superstar“, mit dem das Unternehmen im Jahr 2016 mehrere Medienkanäle bespielte. Im Mittelpunkt stehen zwei 30 Sekunden lange Werbespots, die in witzigen Episoden zeigen, dass die Lehre zum Maler oder Stuckateur alles andere als altbacken, sondern ganz schön „cool“ sein kann, Berufe, auf die man stolz sein kann. Zu sehen gab es die Filme in den Kinos der Region.

Die vier Hauptdarsteller, allesamt Laien, wurden über ein Casting ermittelt. Über einen Zeitraum von vier Wochen liefen verschiedene Werbemaßnahmen – vom Mailing an Schulen in der Region über Plakate, Banner und Displaywerbung in Bussen bis hin zu den sozialen Medien. Über die Projekthomepage meldeten sich schließlich 30 Jugendliche zwischen 14 und 21 Jahren, die sich an zwei Tagen dem Votum einer Jury stellen mussten. Geiselhart ist mit der Resonanz auf die Aktion, die vom Bundesverband Ausbau und Fassade ausgezeichnet wurde, zufrieden.

Eine Bewerberflut sei ausgeblieben, aber die Zahlen seien inzwischen stabiler, die Bewerbungen qualitativ besser. „Es melden sich diejenigen, die ihre Perspektive im Handwerk sehen“, stellt der Malermeister und studierte Betriebswirt fest.

Die Initiatoren, Roman Geiselhart und Stefan Hüttl. Foto: Handwerkskammer

Azubi-Superstar - die Videos

  Die komplette Reihe sowie die Making-of-Filme von Casting und Produktion gibt es unter
www.anton-geiselhart.de

Azubis zeigen, dass sie wichtig sind

Bei einem attraktiven Außenauftritt wollten es Geiselhart und Hüttl nicht belassen. „Der logische Schritt war, auch intern an die Ausbildungsarbeit ranzugehen“, erklärt Hüttl. In Zusammenarbeit mit der Handwerkskammer entstand das Konzept für einen Workshop, der sich nicht an die qualifizierten Ausbilder, sondern speziell an Vorarbeiter und Gesellen richtete. Wie Auszubildende ihren Alltag auf der Baustelle sehen und was sie von ihren älteren Kollegen erwarten war zuvor in einer Befragung ermittelt worden.

30 Mitarbeiter nutzten das Angebot, mehr als erwartet. „Es wurde zwar mitunter kontrovers, aber offen diskutiert“, sagt Geiselhart, der ein positives Fazit zieht: „Das Problembewusstsein ist vorhanden, ebenso die Bereitschaft der älteren Mitarbeiter, an sich zu arbeiten“.

Der Workshop ist nicht die einzige interne Veränderung. Für neue Auszubildende gibt es einen Einführungstag, bei dem sie den Betrieb, Abteilungen und Personen kennen lernen. Auf dem Programm stehen ebenfalls Ausflüge, an denen auch der Chef teilnimmt.

„Wir wollen unseren Auszubildenden Wertschätzung vermitteln“, betont Geiselhart, der von der weitverbreiteten Schelte der jungen Generation und ihrer Wertvorstellungen nichts hält: „Man kann mit den Jungen nichts anfangen? Das ist Quatsch. Man muss sie richtig anpacken."

Der Chef von 120 Mitarbeitern, davon zehn Auszubildende, weiß, dass kleine Handwerksbetriebe keine Werbekampagne finanzieren können. Mit Blick auf den Fachkräftemangel sei aber jeder Betrieb gefordert, mehr zu investieren. „Viele Betriebe bringen nicht rüber, was Ausbildung und Handwerk bedeutet“, glaubt Geiselhart. Schließlich müssten den jungen Leute Perspektiven aufgezeigt werden. „Wir wollen den wertvollen Kräften zeigen, dass sie ihren Weg bei uns machen können.“

Dazu gehört es auch, dass Nachwuchskräfte frühzeitig Verantwortung übernehmen. Der Firmenauftritt bei der nächsten Ausbildungsmesse jedenfalls wird komplett von Auszubildenden betreut. „Der Ausbildungsmeister ist nur noch als Back-up vor Ort“, erklärt Hüttl.