Tina Reicherter, Bäckerin


Foto: Horst Haas/Montage: Handwerkskammer

"Offen sein und einfach machen!"

Tina Reicherter hat sich auf ihr Bauchgefühl verlassen und sich nach ihrem Abitur für eine Ausbildung als Bäckerin entschieden. Jetzt ist sie auf dem Weg zur Weltspitze.

Als Tina Reicherter in jungen Jahren einmal mit ihrer Mutter in einer Bäckerei stand, sagte sie voller Überzeugung: „Mama, Bäckerin will ich nie werden! Die müssen so früh aufstehen.“

Es kam anders. Nach dem Realschulabschluss setzte sich Tina zunächst das Ziel, Pharmazie zu studieren und Apothekerin zu werden. Sie wechselte daher 2016 an das Ernährungswissenschaftliche Gymnasium der Reutlinger Laura-Schradin-Schule, um dort ihr Abitur zu machen. Im Laufe der drei Schuljahre änderte sich ihr Berufsziel. Das Pharmaziestudium kam ihr nicht mehr so spannend vor, sie wollte lieber in die Praxis gehen, arbeiten, Geld verdienen.

Formen, kneten, rollen – viel Potenzial für kreatives Schaffen

Neben ihrer Schulzeit hatte Tina schon immer Spaß daran, Torten zu backen. Eine Ausbildung zur Konditorin lag daher nahe. Sie machte ein Praktikum bei der Handwerksbäckerei Bayer in Mittelstadt, wo sie schon während ihrer Zeit im Gymnasium samstags als Nebenbeschäftigung im Verkauf tätig war. „Es hat mir super gefallen dort.“ Allerdings versuchten die Kollegen und ihr Chef, sie umzustimmen und für eine Bäckerlehre zu begeistern – einfach weil diese ein viel weitreichenderes Aufgabenfeld abdeckt als eine Konditorenausbildung. Sie ließ sich überzeugen: „Ich mach das einfach mal!“ Im September 2019 startete sie ihre Ausbildung.

“Es hat mir vom ersten Tag an Spaß gemacht."

“Es hat mir vom ersten Tag an Spaß gemacht, auch weil es immer richtig Action gibt: kneten, rollen und formen. Und am Ende sieht man das Ergebnis seiner eigenen Handgriffe.“ Am liebsten backt sie Brezeln – den „Wurf“ hat sie ohne Vorkenntnisse von Anfang an beherrscht. „Ein Naturtalent“, urteilten die Kollegen. Und das Frühaufstehen? „Da findet man rein! Dafür hat man am Nachmittag schon frei.“

Die Wettbewerbe abgeräumt und jetzt auf dem Weg zur Weltspitze

2021 schloss Tina die Gesellenprüfung als erste Kammer siegerin ab. Daraufhin wurde sie zum Landesentscheid nach Stuttgart eingeladen. Die Aufgabe, ein Schaustück zu backen und gestalten, war neu für sie, zudem lief bei der Materialbestellung etwas schief und sie kam zeitlich in die Bredouille. Tina fühlte sich am Boden zerstört und wollte den Tag so schnell wie möglich vergessen. Bis es zur Siegerehrung kam: Sie wurde zur Landessiegerin gekürt! „Ich war total geflasht!“ Für die Juroren waren die Vielfalt des Schaustückes und der hohe Schwierigkeitsgrad ausschlaggebend. Bei der deutschen Meisterschaft vier Wochen später hatte sie wieder keine großen Erwartungen – und er rang den zweiten Platz. Nun läuft das Training zur Weltmeisterschaft in Berlin, die im Juni stattfindet. Wenn alles nach Plan geht, wird sie im zweiköpfigen Team Deutschland um den Sieg backen.

Mit Leidenschaft fürs Backen in die Zukunft

Für Tina ist es vorerst das letzte Jahr in der Bäckerei Baier. In der Bäckerakademie Weinheim hat sie sich zur Meisterausbildung als Bäcker- und Konditormeisterin angemeldet, außerdem zum Abschluss „Betriebswirtin des Handwerks“. Und dann? „Da bin ich noch offen“, sagt Tina, „am liebsten erst einmal ins Ausland und mich dort weiterentwickeln – vielleicht in einer Patisserie in Frankreich.“ Später möchte sie ihr Wissen gerne weitergeben – als Berufsschullehrerin beispielsweise. Aber sie legt sich nicht fest: „Erst einmal neue Erfahrungen sammeln und dann sehen, wohin es mich treibt!“

Mit Abi in die Ausbildung ist der klügere Weg

„Nach dem Abitur hab ich mir oft anhören müssen, warum ich nicht studiere“, erinnert sich Tina, „Gott sei Dank nicht von meinen Eltern, die haben mich immer unterstützt.“ Viele junge Menschen würden sich vor dem Handwerk scheuen, berichtet sie, „dabei ist es so eine kreative Branche – viel abwechslungsreicher als den ganzen Tag im Büro zu sitzen.“ Ihr Rat für Jugendliche: aufs Bauchgefühl hören, sich nicht vom realen Leben abschrecken lassen, Praktika machen, und nicht nur die Uni im Auge haben. „Das Handwerk kann mehr!“, ist sie überzeugt. „Es ist keine Schande, mit der Fachhochschulreife eine Ausbildung zu machen – es ist sogar meist der klügere Weg! Studieren kann man auch später noch.“

Text: Birgit Pflock-Rutten/Uhland2