
Ob Beratungsgespräch, Versorgung von Verstorbenen oder die Arbeit in der Werkstatt - Emily Bayer schätzt die Vielfalt an ihrem Beruf. Foto: Serway
Emily Bayer ist Lehrling des Monats Januar
Die Handwerkskammer Reutlingen hat Emily Bayer aus Kirchentellinsfurt zum „Lehrling des Monats“ Januar ausgezeichnet. Die 20-Jährige wird im dritten Lehrjahr zur Bestattungsfachkraft bei Bestattungen Serway in Dettingen ausgebildet.
Es gibt junge Menschen, die sich mit einigen Berufen beschäftigen müssen, bis sie den passenden für sich gefunden haben. Andere können sich einen solchen Aufwand sparen, weil sie wissen, was sie machen wollen. Emily Bayer gehört zur letzteren Gruppe. Elf Jahre alt sei sie gewesen, berichtet Bayer, als sie bei einer Blutspendeaktion im Gemeindezentrum durch einen Bekannten erstmals vom Bestatterberuf erfuhr. Sie absolvierte als Schülerin ein zweitägiges Paraktikum beim Bestattungsdienst der Stadt Reutlingen und eines in ihrem heutigen Ausbildungsbetrieb, bei dem sie auch in den Ferien jobbte. Andere Berufe habe sie nie in Betracht gezogen, so Bayer. Sie sei sich ja sicher gewesen. „Es gab nie einen Plan B.“
Was ihr wichtig ist, unterscheidet sich nicht von dem, was andere Auszubildende an ihren Berufen schätzen. Es kommt ihr entscheidend auf die Abwechslung an. „Die Vielfalt ist das Schöne“, sagt die junge Frau. Da seien die handwerkliche Tätigkeit, die hygienische Versorgung der Verstorbenen, die zahlreichen bürokratischen Aufgaben, die Organisation der Trauerfeier, die individuellen Wünsche zu Ablauf und Ausstattung und nicht zuletzt die soziale Herausforderung, Menschen in einer Ausnahmesituation zu unterstützen.
Bayer verfolge ihren Berufswunsch mit großer Konsequenz und Ehrgeiz, sagt Firmenchef Uwe Serway über seine Auszubildende. Sie sei zielstrebig, leistungsorientiert und belastbar und übernehme längst sämtliche Arbeiten im Betrieb. Der Notendurchschnitt an der Berufsschule liege bei einer glatten Eins. Und schließlich bringe sie die sozialen Kompetenzen mit, ohne die es in diesem Beruf nicht geht. „Emily ist offen, freundlich und in der Lage, sich auf Kunden einzustellen.“ Die Beratungsgespräche, die meist beim Kunden stattfinden, sind auch für Bayer wichtig. „Entscheidend ist das Zuhören, die Angehörigen erzählen lassen. Das ist der erste Schritt zur Trauerbewältigung.“
Ob es sich um einen Beruf handelt, der eher Frauen anspricht? Mit Blick auf ihre Berufsschulklasse stimme das schon, stellt Bayer fest. Dort seien die Frauen in der Mehrheit. Die körperliche Beanspruchung dürfe man nicht unterschätzen. Für Frauen seien möglicherweise die psychologischen Aspekte, also die Begleitung der Hinterbliebenen, das Feld, auf dem sie ihre Stärken sehen. Aktuell werden im Kammerbezirk acht junge Frauen und vier Männer zur Bestattungsfachkraft ausgebildet. Den Ausbildungsberuf gibt es seit 2007.
Die Reaktionen auf ihre Berufswahlentscheidung fallen gemischt aus. Aus der Familie und dem Freundeskreis habe es durchweg viel positives Feedback und Ermunterung gegeben. Andere seien zunächst einmal irritiert, berichtet Bayer. „Das ändert sich aber meistens recht schnell, wenn man ins Gespräch kommt. Dann interessieren sich die Leute und wollen mehr wissen.“ Diese Erfahrung macht sie auch an Schulen. Bayer stellt dort ihren Beruf vor und beantwortet die Fragen von Schülerinnen und Schülern. Mitarbeiter im Pflegebereich erreicht sie mit ihren Vorträgen an Hospizen.
Bayer ist in ihrem Wunschberuf angekommen. Wie es nach der Lehre, die sie im nächsten Jahr abschließt, weitergeht, steht bereits fest. Sie wird übernommen, will zunächst weiter Berufserfahrung sammeln und dann die Meisterprüfung in Angriff nehmen. Zeit für ihr großes Hobby, die Freiwillige Feuerwehr in Kirchentellinsfurt, wird sie sich weiterhin nehmen. Nach der Grundausbildung gehört Bayer zur aktiven Abteilung, absolviert neben den Einsätzen über 20 Übungen pro Jahr und betreut dazu auch noch den Nachwuchs im Jugendbereich.
Für Uwe Serway und sein Team steht die persönliche Gestaltung des Abschieds und der Trauerfeier im Mittelpunkt. Individuelle Kundenwünsche werden, soweit es der rechtliche Rahmen zulässt, im Sinne des Verstorbenen und der Angehörigen aufgenommen und umgesetzt. Der Familienbetrieb aus dem Ermstal ist auf über 30 Friedhöfen in der Region tätig. Den Tod nicht zum Tabu zu erklären, darum geht es bei den Projekten, die das Unternehmen seit einigen Jahren erfolgreich mit Kindergärten, Schulen und Konfirmandengruppen durchführt. Nach anfänglicher Skepsis, so Serway, erhalte die Initiative inzwischen viel positive Resonanz aus Schulen und Gemeinden.