
Gruppenbild mit Dame (v.li.n.r): Dr. Jens-Oliver Niklasch, Kapitalmarktexperte der LBBW, Eike Möller, Landesvorsitzender Baden-Württemberg des Bundes der Steuerzahler Deutschland e.V., IHK-Präsident Johannes Schwörer, OB Thomas Keck, HWK-Präsident Alexander Wälde, Hauptgeschäftsführerin der HWK, Christiane Nowottny und Peter Haas, Geschäftsführer von Handwerk BW. Foto: Gaby Höss
"Wirtschaft trifft Kommune" diskutiert Finanzierungsfragen der großen Transformationen
Mit der zentralen Frage „Wer soll das bezahlen?“ hat die Veranstaltung „Wirtschaft trifft Kommune 2025“ in Reutlingen den Nerv der Zeit getroffen. Inmitten zahlreicher politischer, gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Umbrüche lud die Handwerkskammer Reutlingen, gemeinsam mit der IHK Reutlingen und der Stadt Reutlingen, in die Kreissparkasse Reutlingen ein. Die Resonanz war groß – ebenso wie das Bedürfnis nach Orientierung, Austausch und Klartext.
Für die Handwerkskammer Reutlingen war der Abend gleich doppelt bedeutend: Es war die erste Veranstaltung dieser Reihe unter dem neuen Präsidenten, Friseurmeister Alexander Wälde, der die Gäste herzlich begrüßte. In seiner Eröffnungsrede machte Wälde deutlich, wofür er steht: verlässliche Rahmenbedingungen für das Handwerk, eine starke duale Ausbildung, eine konsequent digitale und schnelle Verwaltung sowie eine planbare Investitions- und Förderkulisse. „Wir erleben eine Zeit, in der vieles gleichzeitig gelingen muss“, so der Präsident mit Blick auf Energiewende, Mobilitätswende, Bildungsreformen, Digitalisierung, Klimaanpassung und die sicherheitspolitische Zeitenwende. All diese Aufgaben seien richtig, aber sie hätten ihren Preis. Gleichzeitig sei Nichtstun die teurere Variante: „Marode Brücken, überlastete Netze, zu lange Genehmigungen und veraltete Schulen sind Wohlstandsvernichter“, so Wälde.
Aus Sicht des Handwerks brauche es jetzt vor allem kluge Investitionen, klare Prioritäten und eine funktionierende Umsetzung. Investitionen müssten wirken, jeder Euro zähle. „Generationengerecht ist nicht, an Substanz zu sparen, sondern in die Zukunft zu investieren“, betonte Wälde. Um die anstehenden Herausforderungen zu meistern, sei das Handwerk bereit – brauche aber verlässliche öffentliche Aufträge, faire Zahlungsbedingungen, digitale Vergabeverfahren und weniger Bürokratie. Genauso wichtig sei die Mobilisierung privaten Kapitals – und das funktioniere nur mit stabilen Rahmenbedingungen und planbarer Förderung.
Ein weiteres zentrales Thema war die Unternehmensnachfolge im Handwerk. In den kommenden fünf bis sieben Jahren werden allein im Bezirk der Handwerkskammer Reutlingen rund 3.000 Betriebe eine Nachfolge suchen. Der demografische Wandel stellt die Betriebe vor große Herausforderungen, zumal die Zahl der familieninternen Übergaben rückläufig ist. „Besonders im zulassungspflichtigen Bereich fehlt es an Gründern und Übernehmern“, so Wälde. Die Betriebe brauchen Unterstützung, um diesen Generationenwechsel erfolgreich zu gestalten – etwa durch Nachfolgebörsen, gezielte Förderung und bessere Rahmenbedingungen für Gründungen.
Der Oberbürgermeister der Stadt Reutlingen, Thomas Keck, verwies auf die desaströse Situation der Kommunen: „Nur rund 20 Prozent der Städte und Gemeinden können einen ausgeglichenen Haushalt aufstellen.“ Für Investitionen sei kaum Geld vorhanden, „die laufenden Kosten bringen uns um“, so der Reutlinger Rathauschef. Hinzu kommen Stellenstreichungen bei Wirtschaftsunternehmen wie Stoll, Manz, Cellforce und Bosch. „Wir brauchen eine Industriepolitik, die Kommunen nicht allein lässt“ so Kecks Schlussfolgerung. „Wir müssen alle gemeinsam handeln – Politik, Wirtschaft und Bürgerschaft.“ Die Aufgaben der Kommunen würden wachsen, „doch die Spielräume bleiben eng“.
IHK-Präsident Johannes Schwörer hob in seiner Rede hervor, dass es bundesweit in den vergangenen Monaten durchaus Arbeitsplatz-Zuwächse gab, in der Pflege, im Gesundheitswesen und in den Verwaltungen. Im verarbeitenden Gewerbe seien hingegen 154.000 Arbeitsplätze weggefallen, in der Elektro- und Metallindustrie 116.000. Der Begriff der Deindustrialisierung gehe um, auch wenn „Reutlingen noch ein starker Wirtschaftsstandort ist“, so Schwörer. Der IHK-Präsident sieht schlechte Verkehrsanbindungen als klaren Wettbewerbsnachteil. Gleichzeitig forderte er mehr Vertrauen in die Arbeit von Verwaltungen, „sie wissen selbst genau, was zu tun ist“. Allerdings müssten sie „bürger- und wirtschaftsfreundlicher werden“.
Der Höhepunkt des Abends war die lebhafte Podiumsdiskussion unter der Moderation von Peter Haas, dem Geschäftsführer von Handwerk Baden-Württemberg, der pointiert durch den Abend führte. Auf dem Podium diskutierten Dr. Jens-Oliver Niklasch, Kapitalmarktexperte der LBBW, und Eike Möller, Landesvorsitzender Baden-Württemberg des Bundes der Steuerzahler Deutschland e.V. Beide skizzierten unterschiedliche Perspektiven zur Frage der Finanzierung der Transformation: Während Niklasch für gezielte staatliche Investitionen auch unter Schuldenaufnahme plädierte, mahnte Möller zur Haushaltsdisziplin und Wirkungsorientierung öffentlicher Ausgaben. Übereinstimmung herrschte in der Einschätzung, dass die Transformation ohne klares Finanzierungskonzept scheitern könne – und dass Investitionen heute die Grundlage für den Wohlstand von morgen seien. Niklasch resümierte: „Wir jammern auf hohem Niveau, es gibt immer noch viel Kraft und Energie im Land.“
Die Veranstaltung endete mit einem Get-together, bei dem sich zahlreiche Gäste aus Wirtschaft, Kommunalpolitik und Handwerk vernetzten und weiterdiskutierten.