Im Dialog: Hauptgeschäftsführer Dr. Joachim Eisert, Vizepräsident August Wannenmacher, Karl-Heinz Goller, Integrationsministerin Blikay Öney und Rebecca Hummel.

30.08.2013

"Sprachkenntnisse bleiben die größte Hürde"

Bei einem Besuch der Handwerkskammer Reutlingen informierten sich die baden-württembergische Integrationsministerin Bilkay Öney und Rebecca Hummel, SPD-Kandidatin zur Bundestagswahl im Wahlkreis Reutlingen, über die Lage auf dem Ausbildungs- und Fachkräftemarkt und die praktischen Erfahrungen mit dem Berufsanerkennungsgesetz.

Wer über einen ausländischen Berufsabschluss verfügt, hat seit dem 1. April 2012 einen Anspruch darauf, diese Qualifikationen auf Gleichwertigkeit mit einem deutschen Beruf hin überprüfen zu lassen. Die Handwerkskammer Reutlingen ist für die Anerkennung handwerklicher Qualifikationen in den fünf Landkreisen ihres Kammerbezirks zuständig. Die Bilanz nach 18 Monaten: 104 Beratungsgespräche mit Ratsuchenden aus 25 Ländern, 34 Anträge und sechs Bescheide, davon drei Ablehnungen. „Wir haben mit wesentlich mehr Anfragen gerechnet“, sagte Karl-Heinz Goller, Leiter der neu eingerichteten Servicestelle.

Der Aufwand ist für beide Seiten hoch. Eine der Ursachen liegt im hochentwickelten deutschen Berufsbildungssystem selbst. Das kennt allein im Elektrobereich acht verschiedene Ausbildungsberufe in Handwerk und Industrie. Eine weitere Schwierigkeit bestehe darin, so Goller, aussagekräftige Nachweise über die in der Ausbildung erworbenen Qualifikationen zu beschaffen und mit den deutschen Anforderungen abzugleichen.

„Die mangelnden Sprachkenntnisse bleiben die größte Hürde - nicht nur im Verlauf des Anerkennungsverfahrens“, stellte Hauptgeschäftsführer Dr. Joachim Eisert fest. „Kunden erwarten, dass sie sich mit dem Monteur, der ins Haus kommt, verständigen können. Ausreichende Deutschkenntnisse sind für solche Betriebe ein entscheidendes Kriterium.“

Eisert verwies auf die hohe Akzeptanz der Migranten im Handwerk. 11,6 Prozent der Auszubildenden sind Ausländer, 28 Prozent haben einen Migrationshintergrund. Was das Handwerk von der Politik im Bereich Ausbildung erwarte, wollte Öney wissen. Als vorrangige Aufgaben nannte Eisert die frühzeitige Berufsorientierung an den Schulen und die Vermittlung von soliden Sprachkenntnissen. Allerdings müssten auch Eltern und Lehrer umdenken und die einseitige Fixierung auf die schulische Qualifikation aufgeben. „Wer eine Ausbildung macht, hat nicht weniger Berufschancen als ein Abiturient.“ Nach Einschätzung von Rebecca Hummel sei das Land mit der Gemeinschaftsschule auf dem richtigen Weg. Um Eltern ausländischer Jugendlicher zu erreichen, empfahl Ministerin Öney, Migrantenvereine stärker einzubinden.

Allerdings dürfte es für viele Handwerker in Zukunft schwieriger werden, qualifizierte Fachkräfte zu finden und zu binden. August Wannenmacher, Vizepräsident der Handwerkskammer, setzt auf bewährte Tugenden. „Die Betriebe müssen kontinuierlich ausbilden mit dem Ziel, diesen Nachwuchs auch zu halten.“ Der Schreinermeister ist sich sicher, dass gerade kleine Betriebe mit einem guten Betriebsklima und flachen Hierarchien punkten können. Freilich müsse auch der finanzielle Aspekt stimmen, so Wannenmacher: „Die Löhne im Handwerk werden steigen.“